Rast auf dem Marktplatz von Debno 

Radfahrer haben vielleicht eine Macke aber ist das schlimm?

Impressionen von einer deutsch-polnischen Tour

Versuche ich es doch einfach mal - an einer Radtour teilzunehmen, ohne vorher genau zu wissen, mit wem und wo entlang. Das heißt, im Groben weiß ich natürlich, wo es entlang geht im Juni 2001. Schließlich handelt es sich um die deutsch-polnische Radtour der guten Nachbarschaft und sie beginnt in Polen und endet in Deutschland. Aber - auf welche Art Leute werde ich dort treffen? Im Zug zum Startort sitzen schon einige im Fahrradabteil. Bestimmt gehören sie dazu so wie sie aussehen und reden... Ich sage, wie immer, erst mal nichts, höre nur zu. Einer von denen ist blind, liest in einer Zeitung mit Blindenschrift.... Weitere Leute mit Fahrrädern steigen ein - werden gleich darauf angesprochen, ob sie dazu gehörten.

Im Bahnhof Frankfurt (Oder) sammeln sich wie Rinnsale zum Bach noch mehr Radler: "Normale", aber auch solche, die allein anhand ihrer Ausrüstung kaum lediglich als  Radfahrer durchgehen würden. Circa sechzig buntbedresste Leute auf ebenso vielfarbigen Fahrrädern finden sich am Start in einer Nebenstraße von Słubice ein - der Stadt auf der polnischen Seite der Oder. Ich dachte, bereits am Grenzübergang sei was los - aber Fehlanzeige. Der allgemeine Einkaufsgrenzverkehr lässt sich von solch einer Radtour kaum beeindrucken.

Manche der Mitradler fallen mir gleich am Anfang auf: Werner natürlich, der Organisator und sein polnisches Pendant Jan, aber auch Rick, der Amerikaner aus Mainz. Sein Akzent klingt hier an der Oder so schön exotisch... Endlich rollen wir... Wolfgang, der Blinde, sitzt hinten auf dem Tandem. Sein Vormann steuert es  mit dem Ruf "Platz da für die Elefanten des Sultans!" durch den Pulk. Noch grübele ich, wie ich die Woche über die Runden bringen werde. Das trübe Wetter am ersten Tag tut ein Übriges. Einfach nur mitfahren - alles andere wird sich zeigen.... und so viele ansprechen wie möglich. Welches Thema ist wohl das Naheliegendste? Das Fahrrad an sich und im Besonderen: "Bist du das erste Mal dabei?", "Wie viel und wo fährst du sonst so?" Gesprächspartner finden sich immer wieder. Manchem, so scheint es, ist es egal, wo er radelt: Ob hier in Polen, in der Ziemia Lubuska, oder in Afrika oder Grönland - Hauptsache die Straße ist gut und der Weg bekannt, damit man nicht soviel anhalten muss.... So vielfältig wie ihre Räder sind auch die Motive der Teilnehmer: Rennfahrer, Kulturmenschen, am Gruppenerlebnis Interessierte, stille Mitfahrer; es gibt die Aktiven, die ständig in Bewegung und am Organisieren sind, die Erzähler und die Witzbolde... Angenehmerweise selten in Reinkultur - so wie im richtigen Leben.

Glücklicherweise bieten die täglichen Etappenlängen zwischen 60 und 80 km neben dem eigentlichen Fahren viel freie Zeit für unterschiedliche Neigungen. Darüber hinaus ordneten wir uns zu Beginn sieben "Leistungs-" Gruppen zu: In Gruppe 1 meldeten sich die "Rennfahrer" während sich in Gruppe 7 eher Radspaziergänger zusammen finden. So gehen die einen allmorgendlich an den "Start" und die anderen fahren einfach "los". Da die   Etappenziele festgelegt sind, stört bei der Ankunft ein zeitlicher Abstand von einer bis anderthalb Stunden zwischen den ersten und den letzten niemanden. Ich fahre bei Gruppe 2 mit und als bei unserem Piloten Jurek, das ist so eine Art Gruppenleiter, auf einer  Etappe die Freude am Rad r e n n e n  erwacht, sickere ich auch mal in die Gruppe 3 zurück... Einer sagt mir, dass er auch bei Gruppe 3 bleiben wolle, weil dort auch Frauen mitführen. Recht hat er ja, sinniere ich, nur Männerwaden zu sehen, ist für mich auch nicht gerade anspornend...

Einmal packt auch mich der Ehrgeiz und ich trete auf einer Etappe den alternativen 100-km-Kurs mit. Nach meinem Gefühl steigt das Tempo proportional zur zurückgelegten Strecke. Oder werde ich nur langsamer, proportional zur noch zurückzulegenden Strecke? Meine Gedanken entsprechen meiner Stimmung: Wollen die mir zeigen, dass ich in der falschen Gruppe fahre? Um Rennen zu fahren, brauche ich nicht erst bis hierher zu kommen... Schon nach der nächsten Pause steigt die Stimmung wieder aus dem roten Bereich. Es ist wohl nur die Schwächephase des dritten Tourtages. Das kenne ich schon von früher....

Es dauert nicht lange, bis ich die sportliche Eigendynamik solcher Gruppenfahrten erkenne: Bleib dran am Pulk oder du musst immer wieder kräftezehrende Zwischensprints einlegen. Fahr' nicht einfach rechts ran, ohne es anzukündigen. Du könntest sonst dem dicht im Windschatten fahrenden Mitstreiter das Vorderrad herumreißen. Handbewegungen dienen nicht der Lockerung, sondern wollen etwas sagen: Die Hand weist nach unten: Achtung -Schlagloch Rinne, Absatz und ähnlich Unerfreuliches; die Hand weist nach oben: Achtung - gleich halten wir. Schön, dass sich der Pilot in der Strecke auch mal irrt. Da organisierte Radfahrer ein gewisses Mindestmaß an Disziplin auszeichnet, wendet dann der ganze Tross auf der Straße. So können sich die Vorderen und die Letzten des Feldes auch mal in die Augen schauen, ohne dass sich Erstere den Hals verrenken...

Unterwegs-Gespräche gestalten sich je nach Kondition: Steigt das Tempo, geht das interessanteste Gespräch, bei dem einen eher - bei dem anderen später, vom Fluss in ein Tröpfeln über... Doch ich muss und will nicht ständig reden. Wenn es erst gleichmäßig rollt, lasse ich meine Gedanken schweifen.... über die Landschaft, die Historie und... über's Radfahren - ist es Kult, Ideologie oder nur Fortbewegungsart? Mit jedem Kilometer mehr dämmert mir - es ist alles zusammen.

Am Morgen ist der Ablauf durchorganisiert: Sachen verladen bis 07.45 Uhr, Frühstück 8 Uhr, Abfahrt 9 Uhr. Die Post geht daher abends meist nicht ab... Also quatschen wir beim Bier über dies und jenes und... über's Radfahren und die Erlebnisse drumherum. Ein älterer Teilnehmer erzählt von einer Tour in der Türkei. Auf meine Frage, bis wohin er geflogen sei, ernte ich einen verständnislosen Blick: "Wir sind von Berlin aus durchgefahren." Ralf erzählt, dass er immer gleich nach der Nachtschicht seine Tour fährt. So weit so gut, so interessant. Bloß - seit einem Eisenbahn-Unfall fehlt ihm ein Fuß. Er macht das alles mit Prothese...

Als wir eines frühen Nachmittags im Etappenquartier eintreffen, schließe ich mich einem Dreier-Team zu einem Extra-Ausflug von 40 km an. Das Tempo ist straff. Keiner will zugeben, dass zu schnell gefahren wird. Das bestätigen wir uns später gegenseitig bei der Kaffeepause. Hier höre ich ihn zum ersten Mal, den Satz "Radfahrer haben eben eine Macke". Nein, auf diesen Gedanken wäre ich selbst niemals gekommen. Kann ja sogar was dran sein, wenn man hört, dass einige einfach so mal 80 km fahren... einmal hin - Wendepunkt - einmal her. Damit kann man RTF-Punkte sammeln, erfahre ich. RTF steht als Abkürzung für "Rad-Touren-Fahrten". Für manche Autofahrer sind wir bestimmt mit einer "Macke" behaftet. Jedenfalls werden wir in Polen wie in Deutschland meist aus dem Weg gehupt. So, als ob undisziplinierte Kinder auf der Straße statt auf dem Spielplatz spielen. Vielleicht läuft in dem Moment im Autoradio gerade ein Bericht von der Tour de France... "Richtige" Radrennfahrer, so geht mir durch den Kopf, stehen "richtigen" Autofahrern ethnisch irgendwie näher - als ernsthafte Kämpfer. Nur "lasche Touris" fahren mit Gepäck durch die Gegend...

Unter den Radlern werden zwischen Polen und Deutschen anfangs nur allgemeine Floskeln über die Sprachbarriere hinweg gereicht: "bitte", "danke", "Pause", "Abfahrt" und ähnlich tiefgründige Redewendungen. Allein der Sonne ist es nicht zu verdanken, dass die Barriere zum Ende der Tour hin abschmilzt. Verstehen sich Radfahrer einfach in ihrer "Macke"? Mag sein. Aber ich denke, jeder hat gekramt in den Winkeln seines Gehirns und wurde fündig: Die einen mit ein wenig Polnisch, die anderen mit Deutsch, wieder andere mit Russisch und Englisch. Manche kramen einfach im Gepäck und befördern einen Sprachführer zutage... Und siehe da, der Gedankenaustausch kratzt nicht mehr nur an der Oberfläche: Wir interessieren uns ja richtig füreinander.

Ein schönes Lagerfeuer zum Abschiedsabend an einem See bei Potsdam... Wir hatten vorher die BUGA und das Zweirad-Museum in Werder besucht. Rechtzeitig bevor romantische Stimmungen aufkommen, prasselt aber ein ordentlicher Regenschauer hernieder...

Im nächsten Jahr wird es für mich kein Versuch mehr sein. Dann geht's nach Warschau und ich werde wieder teilnehmen. Auch wenn Radfahrer nun mal eine "Macke" haben...