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Ein Hauch von Abenteuer beim Linksabbiegen
Peking. Himmelstempel, Verbotene Stadt, das Altstadtviertel mit seinen Gassen (Hutong genannt)-
wie Oasen stehen Einsprengsel der Geschichte inmitten von Bauten aus der zweiten Hälfte des
vorigen Jahrhunderts und den Glaspalästen des dritten Jahrtausends. Hochhaustürme kratzen an den
Wolken. Olympia 2008 ist allgegenwärtig. Wir erforschen die 6-Millionenstadt selbstverständlich
mit dem Fahrrad. Ein Erlebnis an sich! Der Radfahrstreifen erreicht an einigen Stellen, so am
Tiananmen-Platz, die Breite hiesiger Bundesstraßen. Chinesen orientieren sie sich im Straßenverkehr
nur nach vorn. Ob plötzlicher Schwenk des Vordermanns/-frau nach links oder ein zum Straßenrand
einbiegendes Taxi oder unerwarteter Gegenverkehr - die Leute reagieren völlig unaufgeregt....
Karambolagen sehen wir (fast) nie, auch (fast) keine Wutausbrüche oder gegenseitige Beschimpfungen.
Das Linksabbiegen über große Kreuzungen bekommt für uns die ersten Male einen Hauch von Abenteuer:
Jedes Zögern wird vom (gleichzeitig) kreuzenden Autoverkehr als mangelnder Fahrwille aufgefasst...
Da heißt es, Zurückhaltung ablegen, einfach losfahren, nur die eigene Richtung im Auge. Auch
wenn die Autofahrer viel und teilweise ausdauernd hupen, sitzen sie dabei völlig gelassen hinter
ihrem Steuer und - bremsen letztendlich.... Kunstvoll oder einfach gebundene rote Schleifen fallen
uns nur an PKW und Lastwagen auf. Vielleicht verlassen sich Radfahrer doch lieber auf ihre Fahrkünste
als auf diese weit verbreiteten Glückssymbole. Chinesen fahren übrigens sehr langsam mit dem Rad.
Vielleicht auch deshalb, weil oftmals noch andere Familienmitglieder und/oder diverse Lasten transportiert
werden?
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Kaiserliche Gräber, Drachen und Löwen
Aus der Hauptstadt gelangen wir auf kilometerlangen breiten Boulevards, umfahren den kaiserlichen Sommerpalast.
Hier lichtet sich der Verkehr. Wir bleiben auf einer Piste neben dem Jingmi-Kanal, immer
Richtung Norden. Vorstadtidylle. Der Kanal ist teilweise grün mit Entengrütze bezogen, an
anderen Stellen baden Jugendliche. Die Dreizehn Minggräber nach knapp 60 km erreichen wir in
wenigen Stun-den, laufen durch die 'shen dao', die Straße der Seelen mit ihren überlebensgroßen
Figuren (die Räder müssen draußen bleiben). Wie lange mochte es gedauert haben vor Jahrhunderten,
bis die Leichname der verstorbenen Kaiser hierher gelangten? Die Changling-Grabanlage (eine von
13 Nekropolen der Ming-Kaiser) besteht aus restaurierten Gebäuden - Geschichte, wie Chinesen
sie lieben. Dahinter verbirgt sich nicht nur neuzeitliche Referenz an den Tourismus sondern
ein Jahrtausende alter Brauch, Zerstörtes originalgetreu aufzubauen. Traditionelle Elemente,
die wir hier sehen, finden wir während der Tour aber auch auf oder vor dem einen oder anderen
neueren Gebäuden wieder - Figuren von Drachen und anderen Fabelwesen zum Schutz vor Blitzen und
anderen bösen Geistern und - Löwenstatuen. Diese schauen gar grimmig drein, verkörpern aber
etwas sehr Elementares - das Männliche und das Weibliche. Der männliche Löwe verkörpert Macht,
indem er eine Tatze auf eine Kugel stellt. Unter einer Tatze des Weibchens liegt ein Löwenbaby
und wird über die Krallen gesäugt.
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"Willst du den Berg hinan..."
Die Hauptstadt hatte uns zunächst in ihr flaches Umland "entlassen". Nur noch gelegentlich
berühren wir stark befahrene Verkehrstrassen. Auch die Nebenstraßen erweisen sich meist in
gutem Zustand. Sogar an das häufige Hupen der Kraftfahrer gewöhnen wir uns. Sie signalisieren
damit lediglich den Überholvorgang. Doch das Streckenprofil ändert sich, je näher wir den dunstigen
schroffen Bergen des Yanshan-Gebirges kommen. Auf den Serpentinen zu einem Pass in 1000m Höhe
motiviert der Spruch 'willst du den Berg hinan, steig nur hinan und denk' nicht daran...'
Aber Pass bedeutet schließlich auch, danach geht es wieder abwärts! Ob der kleine Schrein
gleich neben der Straße schon anderen Radfahrern das Treten erleichterte? Ohne diese Anstiege
jedoch hätten wir ein Naturerlebnis verpasst: den Canyon des Bai- (Weißen) Flusses. Die Straße
klebt hier regelrecht am Felsen auf halber Höhe zwischen Gipfel und dem Flusslauf tief unten.
Gelber Fluss hätte der Farbe wegen besser gepasst. Doch dieser Name ist weiter südlich schon
vergeben... Die Strecke verlangt einiges an Konzentration. Nicht wegen des Verkehrs - wir haben das
Tal fast für uns allein. Aber die Aus- und Einblicke hinter jeder Kurve auf mal sanfteren, mal
steileren Abfahrten, die können schon ablenken.
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Hoch oben die Große Mauer
Postkartenidylle begegnet uns auf fast jeder Etappe: Ein lichter grüner Tunnel aus
Alleebäumen und Maisfeldern; die Reifen summen über den Asphalt; ringsum schroffe satt
grüne Bergen mit umwölkten Spitzen. Am Straßenrand werden Aprikosen getrocknet, manchmal
auch Mandeln auf der warmen son-nenbeschienenen Fahrbahn. Und - was eine Postkarte nicht
zeigen könnte - in den Bäumen lärmen die Zikaden. Es beginnt plötzlich, wie auf Kommando.
Einzelne Solisten stechen mit Tönen hervor, die mongolischem Kehlgesang ähneln. Mehrfach
thront über dieser Szenerie hoch oben die Große Mauer. Viermal kreuzen wir ihren Verlauf.
Sie liegt wie hingeworfen über Gipfeln und Schluchten und ging in den Jahrhunderten mit der
Landschaft eine Symbiose ein. Die Große Mauer sollte erst die antiken Kleinstaaten voreinander
und später das mittelalterliche Reich gegen Einfälle "wilder" Völker aus dem Norden schützen.
Mit 'chang cheng' - 'lange Mauer' haben die Chinesen wohl einen treffenderen Begriff für dieses
fast 6000 km lange Bauwerk gefunden, welches sich vom Gelben Meer bis in den kargen Westen des
Landes erstreckt. 'Cheng' bedeutet nebenbei bemerkt nicht nur 'Mauer', sondern auch 'Stadt'.
Eine erhaltene Stadtmauer aber sehen wir nur in Shanhaiguan, dafür in jedem Dorf die gelblich-rötlichen
oder auch grauen Mauern um die Gehöfte. In abstraktem Sinne verfügt selbst das Zeichen für Land
bzw. Staat ('guo' ) über eine "Umfriedung".
Von Simatai bis Jinshanling überlassen wir unsere Räder dem LKW. Mehrere Kilometer zu Fuß
erkunden wir die Große Mauer über Schrägen und Treppen, von Turm zu Turm. An einem treffen
wir Herrn Feng. Er hat sich mit seiner Frau eine kleine Hütte gebaut und lebt von den Touristen,
die Getränke, Postkarten, Broschüren kaufen. Er erzählt dies und das über die Mauer. "Und für den
weißen Mörtel", fragt Christof, "wurde dazu wirklich Reis verwendet?" Herr Feng schüttelt den Kopf.
Soviel Reis hätten die Bauern gar nicht übrig gehabt. Seiner Meinung nach setze sich der Mörtel
wohl aus Kalk und Hirse zusammen... Bei Jinshanling steigen wir wieder hinab, zugleich auch in
die Provinz Hebei. Deren Name bedeutet "nördlich des (Gelben) Flusses". Sie umschließt die Hauptstadt
Peking, wie etwa das deutsche Bundesland Brandenburg Berlin, hat aber in Vergleich zu letzterem
67 Mill. Einwohner! Hier entstand unter der Shang-Dynastie (1711 - 1066 v.Chr.) der erste historisch
belegbare chinesische Staat.
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Wasserkastanien und hundertjährige Eier
Das Essen erleben wir vielfältig, reichhaltig und für unsere Maßstäbe sehr billig.
Restaurants bzw. so-genannte Garküchen finden wir in jedem Ort. Neben den wunderbaren Nudelsuppen
als "Aufbaunahrung" unterwegs gibt es auch gelbe scharfe Wasserkastanien, Tofu, Entenstreifen
mit Frühlingszwiebeln (unsere Zwiebel heißt hier übrigens 'ausländische Zwiebel', die Tomate
'westliche Rotfrucht' ), den Feuertopf - eine Art Fondue mit Brühe und... und... und natürlich -
auch Peking-Ente. Selbst Hundertjährige Eier probieren wir - nun ja, zur Lieblingsspeise werden
sie nicht. Die Speisekarte auf Chinesisch? Dank Christof kein Problem. Andere Ausländer zeigen
auf ein Gericht in der Küche oder auf einem anderen Tisch - auch so geht es. Das Bier, es schmeckt
im allgemeinen sehr gut, brachten nicht Engländer oder Deutsche als erste nach China, sondern
Russen. Deren 'piwo' gab dem Getränk in China den Namen - 'pijou'... Es gibt das Yunhu-(Wolkensee-)bier,
Bittergurkenbier und weitere Sorten. Ach ja, Chinesen setzen sich ins Restaurant zum Essen und
Trinken, bezahlen und gehen wieder. Wir essen und trinken natürlich auch, sitzen aber dann abends
oft noch bei Bier und Tee, gehen die Etappe des nächsten Tages durch, quatschen... und sind nicht
nur einmal die Letzten.
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Chengde - kaiserliche Sommeresidenz
Chengde empfängt uns modern: autobahnähnliche Zufahrtstraße mit Fahrradstreifen(!), Skyline
mit Hochhäusern. Die 200 000-Einwohner Stadt liegt in einem Tal mit mildem Klima. Die Qing-Kaiser
(und ihr Hofstaat!) wussten schon, warum sie gerade hier im 18. Jahrhundert die Sommerresidenz
errichten ließen. Inmitten sprudelnden Verkehrs im Stadtzentrum reitet der steinerne Kaiser Kangxi.
Er gilt als Ideen- und Befehlsgeber für den Bau der Sommerresidenz. Gleich gegenüber deren Eingang
übernachten wir wieder in einem dieser Hotel-Paläste, dem Mountain Villa Hotel, mit Kronleuchter
im Entree-Bereich, lackiertem Holz, Seidentapeten und Gemälde im Frühstücksraum. Das frühere kaiserliche
Areal mit seinen Palästen und dem Pavillon- und Seengebiet besuchen mit uns eine große Zahl Einheimischer.
Dieser wachsende innerchinesische Tourismus, die Entdeckung des eigenen Landes, spiegelt eine
Normalität wieder, die sich in China erst mit der Politik der Öffnung unter Deng Xiao Ping nach
Maos Tod 1976 entwickelte. Denn in den ersten Jahrzehnten der Volksrepublik (Gründung 1949) hatten
die Menschen andere Sorgen. Und unter den davor herrschenden Verhältnissen (Krieg, Bürgerkrieg,
halbfeudale Strukturen) war an Tourismus in großem Umfang ohnehin nicht zu denken. Wir sind fast
die einzigen nichtchinesischen Besucher. Von den um die Sommerresidenz herum gebauten Acht Äußeren
Tempeln beeindruckt uns der Putuozhongsheng-Tempel (Tempel der Putuo-Lehre) am meisten. In keinem
China- Bildband, in dem Chengde eine Rolle spielt, fehlt sein Bild: Der Kleine Potala, wie er
nach seinem tibetischen Vorbild genannt wird, wirkt wie ein frühzeitliches Hochhaus. Zu seinen
"Füßen" spielen sich religiöse Rituale ab. Besucher kaufen Räucherstäbchen, verbrennen sie, beten.
Mönche sitzen im Tempel, werden bei ihrem Tun beäugt. Mit der Religion nehmen es Chinesen im
allgemeinen nicht so genau. Allerdings ist der Geisterglaube (wieder) sehr verbreitet.
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Alltag unterwegs
Zwischen Chengde und Pingquan, der 'Quelle in der Ebene', fährt ein junger Mann auf dem Motorrad
eine ganze Weile neben uns her, sagt dies und jenes und dass die neue Straße nach Pingquan doch
viel besser sei. Was ist besser? Ansichtssache. Für ihn die neue, schnelle Straße - für uns diese
alte und ruhige. Bei einer Rast am Rande eines Dorfes nähern sich erst schüchtern zwei Jungs, holen
dann noch einen dritten und ein Mädchen und setzen sich in einiger Entfernung aber doch nah genug
an den Straßenrand, um die 'laowai' beobachten zu können. Hier, östlich Chengde betrachten uns die
Einheimischen mit besonderer Neugier. Offensichtlich hielten in einigen Orten noch nie zuvor leibhaftige
Ausländer. Ni hao (im Sinne von 'guten Tag' gebraucht) setzt schnell die Hemmschwelle herab und man will
wissen, woher wir kommen, wohin wir wollen, wie alt wir sind oder auch mal, ob uns denn die Regierung
diese Reise bezahle...
Straßenbaustellen tangieren wir zwar nicht oft, dafür aber über mehrere Kilometer. Allgemeiner Bauboom
oder Olympiavorbereitung 2008 oder beides? Alltag spielt sich vor unseren Augen ab: Ein Dorf lebt
mit der Baustelle. Wer ist Arbeiter, wer ist Anwohner? Eine Schaufel halten sehr viele in der Hand....
Mit dem Moped geleitet uns ein Anwohner über Seitengassen um die Baustelle herum. Und ringsherum
erhebt sich diese faszinierende Gebirgskulisse.
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