der Ortseingang ist erreicht 700 km auf dem Rad
von Berlin nach Warschau

Auf vertrauter Strecke (Berlin - Slubice)
Die Gruppen "finden sich" (Slubice - Trziel)
Polnisches Laissez-faire (Trziel - Poznan)
Nur Sonne wäre langweilig (Poznan - Mogilno)
Auf zur Weichsel (Mogilno - Wloclawek)
Die Königsetappe (Wloclawek - Nowy Dwór)
Am Ziel und in Warschau (Nowy Dwór - Warszawa)








Auf vertrauter Strecke (von Berlin nach Slubice)
115 km
1. Tag (29.6.) Ende Juni 2002 ist es wieder mal soweit - Radtour der guten Nachbarschaft, diesmal nach Warschau. Irgendwelche Berliner Prominenz oder Vertreter der Print- und elektronischen Medien glänzen beim Start vor dem polnischen Ehrenmal in Friedrichshain durch Abwesenheit. Aber das tut der Stimmung überhaupt keinen Abbruch. Sicherlich sind sonstige Ereignisse wichtiger. Wie dem auch sei - eine Vertreterin der polnischen Botschaft gibt uns gute Worte mit auf den Weg - ebenso, zwar nicht in persona sondern schriftlich, der Regierende Bürgermeister und der polnische Botschafter. Die Grüße trägt Werner Stenzel vor, Begründer der Tour und ihr spriritus rector.
Aber Aufmerksamkeit ist uns trotzdem sicher - eine Polizeieskorte begleitet uns bis zur Stadtgrenze, genau bis zur Stadtgrenze und die verläuft bei Erkner. So können wir jede Kreuzung ohne Halt überqueren, auch bei Rot. Wir tuen gut daran, diese Erleichterung in Erkner ganz schnell wieder zu vergessen. Da sich viele von den vergangenen Touren kennen, rollt ein schnatterndes Häuflein Radfahrer durch die Berliner Straßen, schließlich ereignete sich in dem letzten Jahr viel Erzählenswertes. Und für Neuteilnehmer haben die alten Geschichten Neuigkeitswert.
Ab dem "Löcknitzgrund"-Imbiss finden sich erstmals Gruppen zusammen, um nach Slubice zu fahren. Die alten Haasen wissen schon, wo sie sich einzuordnen haben und die Neuankömmlinge testen erst mal ihre "Wertigkeit". In Frankfurt (Oder) wird, der Grenzbürokratie sei Dank, das Gepäck wieder aufgenommen, über die Grenze geschafft und dort wieder in ein polnisches Fahrzeug verladen. Zur Ruhe legen wir uns im Kultur- und Sportzentrum Slubice, manche früher, manche später - schließlich gibt es eine Hotelbar...

Die Gruppen "finden sich" (Slubice - Trziel) Übersicht
120 km
2. Tag (30.6.) Spätestens jetzt fangen die Gruppen an, sich in ihrer Zusammensetzung zu festigen... na gut so mancher "Überläufer" kann sich eben nicht entscheiden... Denn der/dem einen ist es hier zu schnell oder da zu langsam oder zu chaotisch... Radfahrer sind meist Individualisten und wo sich viele Häuptlinge zusammen finden, mangelt es eben auch an Indianern. Das aber macht auch den Reiz dieser Tour aus, dass sich so verschiedene Charaktere für eine Woche so "zusammenraufen", dass am Ende der Abschied sogar ein bisschen sentimental ausfällt.
Die Landschaft wandelt sich gegenüber Brandenburg nicht. Das Wetter ist so leidlich. Sulecin mit Radfahrerbild am Giebel eines Hauses am Marktplatz - das kenne ich schon.
Werner "zerrt" mich mal zur Gruppe 1. So fahre ich dort die letzten 20 km mit - toll bei Rückenwind - bis sich einige an ein Moped hängen... Also bleibe ich am nächsten Morgen bei Jurek und der Drei. Das sollte bis zum Ende der Tour so bleiben.
Die Übernachtung im Motel Trziel an der N 2 ist schon so eine Sache: Die einen (so auch ich) hatten es leise, weil sie zur Rückfront schliefen, andere bekamen Traumanregungen von der Nationalstraße. Zimmer und Bar haben ein wenig Krankenhauscharme... aber die Betten sind gut. Die Unterbringung im Stadtrand-Motel führt auch dazu, dass wir die Stadt erst am nächsten Morgen beim Durchfahren kennen lernen - bei schlechtem Wetter!

Polnisches Laissez-faire (von Trziel nach Poznan) Übersicht
100 km
3. Tag (1.7.) Ob's so was wie ein Motel auch für Radfahrer gibt? Rotel oder Fotel vielleicht?
Also von Trziel geht's nach Poznan und durch Gniezno hindurch....
Halt in Gniezno, dem Bischoffssitz... Dom, gemütliches Flair auf den Straßen
Poznan, Universitätsstadt...

... die hiesige Adam-Mickiewicz-Universität betreibt übrigens gemeinsam mit der Viadrina in Frankfurt (Oder) das Collegium Polonicum in Slubice...

....Unterbringung in der Jugendherberge am Stadtrand. Radfahrer lassen auch gern mal ihre Räder stehen. Der Busfahrer an der Endhaltestelle weiß auch nicht so genau, wie er uns Fahrscheine verschaffen soll. Am Kiosk jedenfalls sind sie alle. Also bleibt nur "einsteigen und hinsetzen. Wir sammeln aber und geben beim Aussteigen dem Fahrer einen Beutel Zloty.

Es ist ein lauer Abend. Auf dem Alten Markt der Universitätsstadt herrscht Piazza-Atmosphäre...

Nur Sonne wäre langweilig (von Poznan nach Mogilno) Übersicht
90 km
4. Tag (2.7.) Pünktlich um neun setzen sich die Gruppen (natürlich zeitversetzt) in Bewegung. Langsam regnete es sich ein. Der starke Straßenverkehr tat ein Übriges. Wir haben "Fun". Aber solche Leute wie wir treten in die Pedalen - bei Regen, bei Wind, oder bei Hagelschauer. Na ja so schlimm wird's dann doch nicht und der Wind kommt unermüdlich von hinten!
Kurz vor Mogilno erheben sich lautstark viele Krähen vom Feld. Ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit, passend aber zum Wetter. Später wird einer sagen, das passe zum morbiden Charme dieser Stadt.
Das Mädchen-Internat versprüht dann doch nicht die Gemütlichkeit für die Abendbeschäftigung. Zu Regnen hatte es aufgehört. Also auf zum See. Bierkneiper o.ä. - Fehlanzeige! Wir schlendern mal so durch die Stadt - und siehe da, im Hinterhof ein Pub. Das Bier schmeckte. Die Atmosphäre stimmte und die Elektrik war anfällig. So fliegt die Sicherung dauernd raus und das ist noch besser für die Stimmung: Der Fernseher geht aus und die Kerzen an...


Auf zur Weichsel (von Mogilno nach Wloclawek) Übersicht
90 km
5. Tag (3.7.) Morgens kitzelt die Sonne die Nasen. Kontrastprogramm zum Vortag!
Alle wollen noch mal die "nur" 90 km vor der Königsetappe genießen. Die Regenpelerinen werden verstaut und Sonnencréme und sonstiges Assecoire aufgetragen. Und wieder rollen wir...
Wloclawek "hat was", das Hotel leider nicht mehr. Wird schon wieder....
Der Reiz dieser Stadt dringt ganz langsam auch in Seitenstrassen und -gassen vor. Und ... die Stadt lebt. Vor allem weil es ,wie überall in Polen, Kinder und Jugendliche gibt. Die Weichsel ist hier bereits ein mächtiger Strom. Er wird bis zum Ende der Tour jetzt immer in unserer Nähe sein. Wir genießen den Abend im Biergarten am Fluss.

Die Königsetappe (von Wloclawek nach Nowy Dwór Mazowiecki) Übersicht
135 km
6. Tag (4.7.) Die Königsetappe - 135 km. Und es rollt wie noch nie. 24... 29... 31 km/h im Schnitt und 30 ... 50 km im Stück... immer längs der Weichsel, mal näher dran, mal weiter weg...
Plock, die Chemiestadt hoch oben über der Weichsel, schauen wir uns an.
Pause im Dorfsklep. Erhard überzeugt die Verkäuferin, für die 16 Leute Kaffee zu bereiten. Ein Ereignis für uns (wo gibt's in Deutschland noch Dorfläden und wenn doch, bekommt man dort Kaffee?) aber auch für die Leute von hier ... wann kommen schon mal Radfahrer direkt aus Berlin vorbei.

In Nowy Dwór übernachten wir im Armee"objekt". Die Unterkunft - einfach. Aber das Offizierscasino, wo wir essen - hochherrschaftlich! Alte Rüstungen im Entrée, hohe Räume, Urkunden, Teller und andere militärische Devotionalien. Die Zeit zwischen 1945 und 1990 hat zwar stattgefunden, kommt aber in der Traditionspflege irgendwie nicht so richtig vor.

Am Ziel und in Warschau (von Nowy Dwór Mazowiecki nach Warszawa) Übersicht
55 km
7. - 9. Tag (5. - 7.7.) Der Tag ist wechselhaft - so zwischen Pelerine und Sonnencréme. Wir radeln in den "Speckgürtel" von Warschau und posieren selbstverständlich vor dem Ortseingangsschild.
Wenn man von draußen kommt, erscheint Warschau wie ein Konglomerat der östlich der Elbe wohlbekannten Plattenbauviertel. Doch dieser Eindruck ändert sich beim Beschäftigen mit den Details. Die Ausstrahlung mancher Denkmäler reicht, da die Ereignisse nicht so weit zurückliegen, auch in unsere Gefühlswelt hinein: Ghettoaufstand und "Umschlagplatz", Warschauer Aufstand, Katyn. Das geht unter die Haut!

Den ersten Stadtüberblick im wahrsten Sinne des Wortes erhalten wir von der Plattform des nicht nur beliebten Kulturpalastes: Beton, viel Grün, Königsschloss, Altstadt... Bankpaläste sollen die Dominanz dieses einst von Stalins Sowjetunion geschenkten Hochhauses brechen.
Ich glaube, eine nicht mehr von polnisch-russischen Animositäten belastete Generation wird gern den Kulturpalst als Erbe annehmen. Genauso, wie heute schon in Polen einige Persönlichkeiten verehrt werden, die in fremden Diensten standen (Poniatowski).

Den Rundgang im Schloss empfinde ich als stressig, so, wie ich nun mal geführte Rundgänge generell empfinde. Aber diese Leichtigkeit des Lebens in der Altstadt und drumherum erinnert mich an Frankreich oder Spanien. Ob man sich das 1944, als Hitler befahl, die Stadt dem Erdboden gleichzumachen, hätte vorstellen könne?

Am Abend tobt das Leben am Weichselufer - Disko- und Kneipenmeile. Die Stimmung braucht keinen Anlauf, es wird ausgelassen getanzt.... Wir lassen die letzte Straßenbahn fahren und nehmen ein Taxi. Doch - was tun, wenn der Fahrer den Weg zum Hotel nicht kennt? - ihn erklären. Radfahrer können das.

Der Lazienki-Park strahlt was Adlig-französisches aus. Wie überhaupt die geistige Verwandtschaft zur Grande Nation eine vielfältige ist....

Am Sonntagabend verladen wir die Räder in die LKW, verabschieden uns mit Ausblick auf das nächste Jahr und steigen in den Bus, welcher uns wieder nach Slubice bringt.