port D'envalira - der höchste Punkt unserer Tour (Foto) 

... grade so etwas für Leute, die sich erholen wollen

Durch Andorra mit dem Fahrrad

"Die Täler sehen so aus wie alle Pyrenäen- Täler dieser Gegend - aber als wir nach Andorra- la-Vella kamen, der Hauptstadt, da sah ich den Unterschied. Die Hauptstadt hat fünfhundert Einwohner, und diese Belegschaft eines berliner Ackerstraßenhauses verteilt sich in grau-braunen, primitiv gebauten Häusern, die Feldsteine sind nicht übertüncht, sondern liegen nackt. . . und was nie in Frankreich geschehen war , geschah hier: Kinder bettelten mich an..., beschrieb Tucholski 1927 seine Eindrücke.

(Fast) nichts erinnert mehr an Tucholskis Andorra

Als wir, von Spanien kommend, in die Hauptstadt rollen, erinnert nichts mehr an diesen Zustand - abgesehen von den unverputzten Fassaden der wenigen noch in traditioneller Weise gebauten Häuser. Eine quirlige Mischung aus Einkaufstempel und Historie begegnet uns. Zwölf Millionen Besucher sollen sich nach Angaben der Fremdenverkehrsbehörde jedes Jahr hier hindurch schieben, drängeln, "wälzen" und das bei 65 000 Einwohnern ( davon nur 15 000 mit andorra-nischem Pass). Zweifelsohne sind es ein Großteil Einkaufstouristen aus den beiden großen Nachbarländern, die vom geschäftigen Treiben in der Avinguda de Meritxel und den anderen engen Straßen angezogen werden: Restaurants, Hotels und Laden an Laden - Schmuck, technische Geräte, Boutiquen... Auch Durchreisenden aus Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien begegnet man, aber kaum jemanden mit Fahrrad. In dieser Hinsicht sind wir Exoten, lösen vielleicht sogar Mitleid aus.

Andorra ist inzwischen ein Land, in dem die Bedeutung der Landwirtschaft gegen Null tendiert und dessen Bruttosozialprodukt pro Kopf beinahe dem der USA entspricht. Und dass es die Andorraner mit Handel zu Wohlstand gebracht haben, erahnt man schon an den Grenzen: Spanischer bzw. französischer Zoll durchsuchen bei der Ausreise schon mal penibel dieses oder jenes Auto. Auch wir können Mitleid empfinden...

Ein mürrischer Wächter und Erholung im warmen Wasser
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Ob gestreßter Shopping-Tourist, Durchreisender, Berg- oder Radwanderer - ohne Zweifel erholsam zu jeder Jahreszeit ist das Thermalbad Caldea in Les Escaldes, einer Nachbargemeinde von Andorra la Vel1a. Ein mürrischer Wächter verwehrt uns, die bepackten Fahrräder im Parkhaus abzustellen. Na gut. Schließen wir sie eben an einem Geländer an. Wer soll uns schon Schlafsack, Zelte und Wäsche klauen. Außerdem verflechten wir die Fahrräder untereinander und die Fahrräder mit dem Gepäck so, dass ein potentieller Dieb zum Entflechten mindestens soviel Zeit brauchen würde wie wir dann später.
Seinen Namen gaben Les Escaldes schwefelhaltige Wasser, die hier aus der Erde sprudeln. Diese Thermalquellen mit einer Höchsttemperatur von 61C werden auch zum Beheizen vieler Häuser des Ortes genutzt. Schon von außen mutet das Bad futuristisch an. An einer Seite der Stahl-Glas-Konstruktion reckt sich eine Pyramide in den Himmel. Wie bewegliche Erker gleiten daran gläserne Außenfahrstühle auf und ab...
Die Eingangshalle in blauem gedämpftem Licht - mehr Science-fiction als Spaßbad-Atmosphäre. Ein Billet für 15 Euro ermöglicht von 10 bis 23 Uhr einen dreistündigen Aufent-halt. Überall das Logo für Stille - ein stilisiertes Gesicht mit dem Finger vor dem Mund. In der Haupthalle unter der Kuppel fühlen wir uns wie in einem lichtdurchfluteten Glasdom. "Conquest of Paradise " klingt - leise. In den runden großen und kleinen Becken und sprudelnden Wasserkelchen hält sich eine Temperatur von 34 bis 36C. Sanft strömt das Wasser durch die Verbindungskanäle. Zwischen all der Sanftheit und Ausgeglichenheit reizt uns auch mal der Kontrast. Den bekommen wir: im Keller im Schneeraum oder im griechisch-römischen Bad bei 14 C-Beckentemperatur. Beeindruckend der Aufenthalt in den Außenanlagen: Im Becken liegen und auf die hoch aufragenden Zweitausender ringsumher blicken. . .

Nur ein "Punkt auf der Landkarte", aber eigenwillig und ganz weit oben
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Auf der Mittellinie der Pyrenäen gelegenen, dehnt Andorra seine 468 km² über wildromantische Landschaften mit ihren Hängen, Flüssen und Bergseen. Die Gipfel erreichen Höhen bis zu 2 951m. Denn Andorra ist eben nicht nur überquellendes Einkaufseldorado. Die Landeshauptstadt Andorra la Vella liegt am Fuß des Enclar-Gebirges gegenüber dem Gipfel Can Ramonet. Mit 1 029m sieht sie sich als die höchstgelegene Hauptstadt Europas. Übrigens - das Wort "Vella" wird irrtümlicherweise oft mit "alt" übersetzt, bedeutete aber früher Stadt (vela), unterschied also die Hauptstadt vom Rest des Landes. . .
Von der Magistrale durch das Land führen Bergstraßen und -pfade zu Dörfern, Weihern oder Hütten. Laut einem Reiseführer findet man nirgendwo sonst in den Pyrenäen ein ähnlich dichtes Netz an Übernachtungsmöglichkeiten in den Bergen. Vor und außerhalb der Hauptstadt herrscht kein Lärm und sowohl Unterkunft als auch Verpflegung sind bedeutend preiswerter.
Obwohl auf Europakarten nur ein Punkt, misst die Hauptstraße vom spanischen zum französischen Grenzübergang immerhin 43 Kilometer. Und die wollen mit Fahrrad und Gepäck erstmal überwunden werden. Oben, ganz oben, viele Serpentinenkurven über uns wissen wir ihn - den höchsten Punkt unserer Tour, die in Barcelona auf Meeresspiegelebene begann. In mehreren Bergetappen vorher gaben wir unseren Körpern schon die Gelegenheit, sich auf die Anstrengungen in der Julihitze einzustellen. So ist die Psyche nicht mit Leiden ausgefüllt und es bleibt Raum, um Eindrücke von der Landschaft und vom Straßenrand aufzunehmen (ein künstlicher Kletterfelsen? Aber vielleicht ... gibt's in Grönland auch eine Kunsteisbahn?!!) oder Gelesenes über dieses eigenwillige Ländchen zu verarbeiten. Denn Andorras Staatsform ist einmalig in der Welt - ein Ko-Fürstentum. Das heißt, nominelle Staatsoberhäupter sind der Bischof von Urgel (Spanien) und der französische Präsident. Die selbständige Existenz des Landes geht auf einen Vertrag von 1278 zurück, in dessen Folge den Andorranern später das Recht zugebilligt wurde, über ihre Angelegenheiten im Rat der Täler selbst zu entscheiden. Offizielle Amtssprache ist Katalanisch, ein romanisches Idiom. Daneben zählen selbstverständlich Spanisch und Französisch zu den Umgangssprachen.

Endlich oben und wieder hinunter nach Frankreich
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Endlich oben - Port D'envalira. Wir können nicht anders, wir müssen am Schild posieren. Danach geht's in rasender Fahrt abwärts zum französischen Grenzübergang. Ein ganz anderer Weg nach Andorra und zur Romantik der Pyrenäen begegnet uns später entlang der Straße zum französischen Villefranche-de-Conflent:
Le petit train jaune, der kleine gelbe Zug - eine elektrisch betriebene Bahn, teils mit offenem Verdeck, durchquert über schwindelerregende Brücken, durch dunkle Tunnel, vorbei an lieblichen Landschaften die fas-zinierende Bergwelt. Sie überwindet dabei einen Höhenunterschied von 1165m. Und vom oberen Endpunkt Latour-de-Carol fahren Busse ins dann nicht mehr weite Andorra. Fertiggestellt war die Strecke übrigens 1927, als auch Tucholski hier weilte: "Diese Bahn", schrieb er, "wird die Gegend aufschließen... Auch Andorra wird sein Teil abbekommen. . . Und das ganze Land wird in Hotels ersaufen - denn es ist ein schönes Land, die Berge sind nicht zu hoch und nicht zu niedrig: es ist grade so etwas für Leute, die sich erholen wollen." Nun ja, von der Bahn hat Andorra nichts abbekommen ...

Informationen

Departament de Turisme del Govero
Prat de la Creu, 62-64
Andorra la Vella

Tel.: 0033/82 93 45
Fax: 0033/86 01 84

www.turisme.ad

Tourismusbüros gibt es darüber hinaus in allen Gemeinden.


Vertretung Andorras in 13435 Berlin, Finsterwalder Straße 28,Tel.: 030/4154914

"Kleiner Gelber Zug" über

Syndicat d 'Initiative in Villefranche-de-Conflent, Place de l'Eglise

Tel.: 0033/468962296

www.ter-sncf.com/gelberzug/default.htm

Andorra hat keine eigene Währung. Als offizielles Zahlungsmittel gilt, obwohl formell nicht EU-Mitglied, der Euro. Mit der ec-Karte kann das Geld von allen Bankautomaten abgehoben werden.